Pressemitteilung der Bundesärztekammer vom 17.11.2008
Die Spitzenvertretungen der deutschen und französischen Ärzteschaft haben davor gewarnt, das zweistufige Bachelor-Master-System auch in der medizinischen Ausbildung anzuwenden. "Wir haben die große Sorge, dass die Einführung von Bachelor- und Master-Abschlüssen im Medizinstudium zu erheblichen Qualitätseinbußen in der Patientenversorgung führt", erklärten übereinstimmend der Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, und der Präsident des französischen Conseil National de l?Ordre des Médicins, Dr. Michel Legmann, anlässlich der Konsultationen beider Spitzenorganisationen vom 12. bis 14. November 2008 in Berlin.
Die deutsche und die französische Ärzteschaft unterstützten zwar die grundsätzlichen Ziele des Bologna-Prozesses und damit die Mobilität von Studierenden. Die Medizin könne aber nicht wie andere Studiengänge in ein berufsqualifizierendes Basisstudium und einen weiterführenden Masterabschluss zweigeteilt werden. "Die Medizin zeichnet sich durch eine enge Verknüpfung der wissenschaftlichen Lehre und der Krankenversorgung an den Hochschulen aus. Deshalb ist es schlicht unmöglich, in einem drei- bis vierjährigen Bachelor-Studium sowohl eine solide wissenschaftliche Grundausbildung als auch eine spezifische Berufsbefähigung zu vermitteln. Ein Schmalspur-Medizinstudium auf Kosten der Patienten lehnen wir ab", sagte Hoppe.
Nach der Bologna-Deklaration von 1999 soll der Bachelor-Abschluss zu einer "für den europäischen Arbeitsmarkt relevanten Qualifikation" führen. Der Bologna-Prozess wird von 46 europäischen Ländern getragen und soll zur Reform der europäischen Hochschullandschaft führen. Ziel ist es, die Mobilität von Studierenden in Europa zu erleichtern und damit eine Vergleichbarkeit zwischen den Hochschulabschlüssen herzustellen. Teil der Reform ist die Umwandlung der alten eingliedrigen Studienfächer in ein zweigliedriges Studium mit einem Bachelor-Abschluss nach drei Jahren und einem darauf aufbauenden Masterstudiengang. Medizin und Jura wurden zunächst von dieser Reform ausgenommen, werden aber zunehmend in die Umstrukturierung einbezogen.
Die Mobilität von Ärztinnen und Ärzten innerhalb Europas war ein Schwerpunkt der deutsch-französischen Konsultationen der beiden größten Ärzteorganisationen in der EU. Viele Ärzte aus dem östlichen Europa sind verstärkt auch in Frankreich tätig. "Dieser Umstand und die gesundheitspolitischen Vorstöße der Europäischen Kommission werden die Organisation der nationalen Gesundheitssysteme nachhaltig beeinflussen", so der französischen Ärztepräsident Legmann.
Beide Delegationen betonten die besondere Bedeutung der Kooperation auf europäischer Ebene bei der Bewältigung der Herausforderungen, denen sich die Gesundheitssysteme in Europa ausgesetzt sehen. Die Situation von Medizinstudenten und eine verbesserte Zusammenarbeit bei der gegenseitigen Anerkennung der Aus- und Weiterbildung standen im Fokus der Diskussion. Die Gespräche halfen vor allem bei der besseren Einschätzung und dem Verständnis für die gegenseitige Anerkennungspraxis von Diplomen. Einig waren sich beide Seiten auch darin, dass die ethische Dimension des Arztberufes als Dienst am Patienten bereits bei der Ausbildung von Medizinstudenten klarer hervorgehoben werden muss.
Die Delegationen stimmten zudem darin überein, dass die Arbeit im Ständigen Ausschuss der Europäischen Ärzte (CPME) eine wichtige Rolle bei der Bewältigung gemeinsamer Aufgaben spielen kann. Die anstehenden strukturellen und strategischen Reformen für das CPME wurden ausführlich diskutiert, wobei beide Seiten sich bereit erklärten, in der CPME-Arbeitsgruppe ihren Beitrag zur Entwicklung eines Reformpakets zu leisten.